Sorry, ich mag meinen Job

von Julian Heck

Herzlich Willkommen! Du bist gerade auf meinem Blog gelandet. Stell dir vor: Alles, was du hier lesen kannst, ist ganz ohne Bezahlung entstanden, ohne Honorar, ohne materiellen Gegenwert. Na klar, ich bin ja auch Journalist und habe halt einfach Spaß am Schreiben, magst du jetzt vielleicht denken. Stimmt. Auch.

Aber von vorne. Warum schreibe ich überhaupt darüber? Ich werde immer mal wieder angesprochen – gerade jetzt, wo ich viel unterwegs bin und nicht nur Zeit, sondern auch Geld investiere – warum ich denn in bestimmte Sachen so viel Zeit investiere, obwohl ich daran nichts verdiene. Meistens versuche ich in der Eile abzuwimmeln und sage, es mache mir nunmal Spaß. Ist natürlich auch so. Aber es steckt noch mehr dahinter: Ich lerne die Branche (Journalismus/Medien) kennen, vernetze mich mit möglichst vielen Menschen, zeige, was ich kann, probiere aus, kämpfe um Aufmerksamkeit, habe Freude daran. Im Einzelnen.

1. Ich lerne die Branche kennen.
Woher soll ich wissen, was gerade in meiner Branche passiert, wenn ich nichts darüber lese? Woher soll ich wissen, wer was zu sagen hat und warum genau das relevant ist und Einfluss auf die Entwicklung meiner Branche hat? All das erfahre ich nur, wenn ich regelmäßig die entsprechenden Nachrichten verfolge, bestenfalls mitrede und mir eine eigene Meinung bilde. Noch besser: Live dabei sein, wenn diskutiert wird. Klar, das ist auch eine Kostenfrage. Aber wer keine Erfolgssamen kauft, der darf auch nicht erwarten, dass man Erfolg erntet.

2. Ich vernetze mich mit möglichst vielen Menschen.
Wer alleine auf dem Spielfeld steht, der hat zwar keine Gegner, aber eben auch keine Unterstützer und Fans. Das Spiel ist nicht von Bedeutung. So ähnlich ist das auch als Journalist – und nicht nur als solcher. Ein Netzwerk ist immens wichtig, um sich auszutauschen, zu diskutieren, sich gegenseitig zu unterstützen, zu empfehlen, zu motivieren, zu kämpfen, sich zu verbessern. Ein Netzwerk kann aber auch finanziellen Mehrwert haben, indem es Aufträge generiert. Ohne Netzwerk ist man Einzelkämpfer und schlimmstenfalls auf verlorenem Posten.

3. Ich zeige, was ich kann.
Ja, bloggen kostet Zeit und auch Geld. Aber ein eigenes Blog ist die Visitenkarte im 21. Jahrhundert. Und nicht nur das. Sie ist auch Portfolio, Motivationsschreiben, Empfehlungsschreiben und teilweise Lebenslauf. Ein lebendiges Blog kann Grundlage für den beruflichen Erfolg sein. Wer diese Chance nicht nutzt, ist selbst Schuld. Hier kann ich mich beweisen. Hier kann man mich finden. Hier kann ich bestenfalls ein Unternehmen von mir überzeugen, ohne überhaupt auf das Unternehmen zugegangen zu sein. Nicht ohne Grund gibt es positive Beispiele für ein gespiegeltes Bewerbungsverfahren, also Bewerbungen seitens des Unternehmens, weil es eine Frau oder einen Mann haben möchte – und nicht umgekehrt.

4. Ich probiere aus.
Im Unternehmen probierfreudig zu sein ist nicht immer erwünscht und kann in die Hose gehen. Das Internet bietet mir aber die Möglichkeit, mich auszuprobieren – ganz ohne Angst, dass ich damit irgendwen oder irgendwas gefährde. Wenn ich mich an Interviews oder Videos oder Podcasts herantraue, mache ich das einfach. Ich werde dafür nicht bezahlt, aber kann dadurch auch gefahrlos üben und mich steigern. Das Internet ist eine Spielwiese. Man kann sich ausprobieren ohne ein unternehmerisches Risiko auf den Schultern tragen zu müssen. Mehr als einen etwas peinlichen Auftritt hinzulegen kann mir nicht passieren. Machen ist die Devise!

5. Ich kämpfe um Aufmerksamkeit.
Man muss gar nicht drumherum reden. Wenn man einen Blog betreibt, auf Veranstaltungen Reden hält oder sich anderweitig öffentlich präsentiert, dann will man Aufmerksamkeit. Aufpassen: Das heißt nicht, dass man überall im Mittelpunkt stehen möchte. Manchmal will man einfach nur einen Diskurs vorantreiben, sich engagieren. Aber man will auch, dass der eigene Name positiv im Gedächtnis hängen bleibt. Bestenfalls wird man empfohlen, erhält einen Auftrag oder wird angestellt. Dieser Gedanke steht nicht immer im Vordergrund, spielt aber dennoch eine Rolle.

6. Ich habe Freude daran.
Entschuldigung, mein Job macht mir Spaß. Das mag sich komisch anhören. Aber ich gewinne ab und an den Eindruck, dass dies längst nicht selbstverständlich ist. Für viele ist Arbeit etwas Lästiges. Sie arbeiten, um sich privat etwas zu gönnen. Sie gehen von 9 Uhr bis 17 Uhr arbeiten und blenden den Job danach wieder völlig aus. Das mag für einige der für sie richtige Weg sein. Ich kann nur für mich sprechen (habe aber das Gefühl, dass es den meisten Journalisten so geht): Ich kann nicht immer zwischen Arbeit und Privatleben trennen. Der Grund ist schlichtweg: Mir macht meine Arbeit so viel Spaß, dass ich mich auch im “Privatleben” dafür interessiere, Freunde habe, denen dies ebenfalls so geht und die über dieses Thema auch privat sprechen und diskutieren. Ich lese Fachbücher auch aus privatem Interesse, besuche Veranstaltungen aus privatem Interesse, spreche mit Kollegen und Freunden (ja, es gibt Überschneidungen!) aus privatem Interesse, schreibe Blogeinträge aus Interesse und Spaß an der Sache. Ist das nicht toll? Wäre das nicht auch etwas für euch? Ein Job, der Spaß macht und genauso zum Leben gehört wie alles andere im Alltag? Schließlich verbringt ihr einen Großteil eures Lebens damit. Eigentlich will ich mich nicht dafür entschuldigen müssen, dass ich mich auch “im privaten Leben” (welch Ausdruck) für “berufliche Themen” (die auch Privatleute etwas angehen) interessiere.

Ja, genau aus diesen Gründen mache ich – für manche scheinbar ekelhafte berufliche – Tätigkeiten ohne Geld. Weil es Geld bringen kann und weil mir mein Job Spaß macht, weil mir mein Alltag Spaß macht.

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